"Der Schieber" von Cay Rademacher

Der Schieber - Cay Rademacher

Dieses Buch hat mir ganz gut gefallen. Anzumerken ist, dass Krimis eigentlich selten sehr hohe Bewertungen von mir erhalten, weil mir der "amazing"-Moment häufig fehlt. Trotzdem gefallen mir auch Krimis/Thriller mit 3 Sternen (a la "Ich mochte das Buch, aber es war nicht außergewöhnliches")

 

Die Story ist recht kurz zusammengefasst: Im Mittelpunkt steht Oberkommissar Stave, der im nachkriegszeitlichen Hamburg ermittelt (1947). Es handelt sich also um einen historischen Kriminalroman. In diesem Fall ermittelt Stave den Täter eines Kindermörders: das Opfer, ein Jugendlicher, wird erstochen in einer Lagerhalle einer Werft auf einer Fliegerbombe gefunden. Stave ermittelt und stößt recht schnell auf ein Netzwerk von kleinkriminellen Kindern. Kinder, die Kohlen von fahrenden Zügen stehlen und sogenannte Wolfskinder - die ihre Eltern auf der Flucht aus dem Osten verloren haben uns sich irgendwie nach Hamburg durchgeschlagen haben. Dort haben sie niemanden - außer einander.

 

Im Roman wird das nachkriegszeitliche Leben in Hamburg immer wieder lebendig beschrieben - Hinweise auf die ständig anwesenden Ruinen überall, auf den blühenden Schwarzmarkt, auf dem sogar Stave als Polizist einkaufen muss, wenn er Kleidung braucht. Die Rationierung von Lebensmitteln, von Benzin, von allem. Und vor der Angst eines drohenden Kriegs mit Russland. Die Stimmung in Deutschland zu dieser Zeit in der britischen Besatzungszone wurde m. M. n. gut eingefangen und zu Papier gebracht. Das macht das Buch vor allem in historischer Hinsicht sehr interessant.

 

Da dies der zweite Band der Ermittlungsreihe um Stave ist, wird sich auch immer mal wieder auf den ersten Band bezogen ("Der Trümmermörder"). In diesem erfuhr man, dass Staves Sohn in Russland in Gefangenschaft geraten ist. In Band 2 wird der Sohn entlassen und taucht eines Tages vor Staves Haustür auf. Das Verhältnis zum Sohn ist nicht einfach, da er ein glühender Anhänger der Nazis war und sich der Wehrmacht freiwillig anschloss. Meiner Meinung nach ist es aber trotzdem nicht unbedingt notwendig, den Trümmermörder vorher zu lesen - es gibt genug Rückblenden im Buch.

 

Zur Kriminalgeschichte an sich: Sie spiegelt wie die Beschreibungen des Lebens zu dieser Zeit auch sehr stark die damaligen Gegebenheiten wider. Wie der Titel bereits vermuten lässt, geht es in letzter Konsequenz um einen Schieber - der also illegal Gegenstände weiterverkauft. Und diese entpuppen sich in letzter Konsequenz als relativ ... harmlos und erst im Kontext der zeitlichen Umstände und der Gier mancher Personen ergibt sich ein Motiv für einen Mord. Bewegend waren die die Schicksale der elternlosen Kinder, von denen es damals 1000e gab.

 

Der Kommissar Stave wirkte auf mich durchweg sympathisch: noch gezeichnet durch die Repressalien der Nazis und die Umgangsformen zu jener Zeit, wirkt er auf mich wie ein sehr zurückhaltender und gehemmter Mensch. Manchmal vielleicht zu sehr gehemmt. Er fürchtet sich oft, etwas auszusprechen, was er denkt oder fühlt, gerade seinem Sohn gegenüber oder auch seiner Geliebten - er hat oft irgendwie Angst, Gefühle zu zeigen. Das macht ihn aber eher menschlich und greifbar, finde ich, und ich habe mehr Sympathien für ihn entwickelt als im ersten Band.

 

Die Sprache des Romans ist übrigens im Präsens. Das ist gewöhnungsbedürftig. Außerdem gibt es viele "abgehackte" Beschreibungen, also Sätze/Absätze, in denen Verben fehlen. Da musste ich mich manchmal sehr konzentrieren und habe wohl auch die ein oder andere überflogen - das trifft sicher nicht jedermanns/fraus Geschmack. Insgesamt ist die Sprache aber an die damalige Zeit angepasst, irgendwie. Man fühlt sich richtiggehend in diese versetzt. Als "Nicht-Norddeutsche" hätte ich mir außerdem manchmal eine Erklärung für manch einen Begriff gewünscht. ;-)